• johanna

5 Schritte Borderline-Krisenintervention: Was mir beim Stabilisieren half



Vor etwa zwei Wochen starteten meine Mama und ich eine Radtour durch Österreich. Was schön und entspannend werden sollte, wurde für mich eine Achterbahnfahrt an emotionalen und körperlichen Zuständen.


Eigentlich brauchte ich nach einem turbulenten Sommer einfach Ruhe und wollte mich in meinem neuen zu Hause einnisten. Ich spürte das ganz stark, doch wollte meine Mama nicht enttäuschen und ihr eine Freude machen. In die Radtour startete ich:

  • stark übermüdet

  • nach einem Sommer als Pferde-Pflegerin körperlich am Ende

  • ohne Medikamente, da meine Ärztin auf Urlaub war und ich vergaß, das Rezept zu holen

Die Ausgangssituation war also alles andere als optimal.


Instabilität und Impulsivität auf der Reise


Ich konnte meine Stimmung von Beginn an sehr schlecht kontrollieren. Ich war sehr impulsiv, aggressiv, launisch und hatte ein starkes Gefühl der Leere und Hoffnungslosigkeit. Das Radfahren fühlte sich so schwer an, eigentlich wollte ich einfach nur ins Bett und nichts mehr spüren. Ich war zu meiner Mama wieder richtig gemein, fast wie früher. Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle.


Am zweiten Tag wollte ich nach Hause fahren, da ich es nicht mehr aushielt. Ich war emotional sehr instabil, meine Stimmungen wechselten sehr schnell. In den Bereich zu kommen, in dem ich mich gut fühlte, schaffte ich nicht mehr. Meine inneren Spannungen waren so groß. In diesem Moment war alles schwierig:

  • Der Wunsch, dass endlich alles vorbei ist

  • Hoffnungslosigkeit, weil ich mich nicht mehr lebensfähig fühlte

  • Hass und Aggression, weil ich wieder in frühere Gefühle zurückfiel

  • Trauer, weil ich meine Mama verletzte

  • eine große Müdigkeit vom Leben

Ich provozierte Mama, diskutierte, sagte, ich nehme den Zug heim. Meine innere Diskrepanz erschöpfte mich emotional so sehr: Ich wollte weg und einfach ins Bett. Gleichzeitig hatte ich Angst, dass ich in ein sehr destruktives Loch mit Selbstzerstörung und Suizidgedanken fallen würde, wäre ich alleine daheim.


Das Hin und Her und meine hohe Anspannung gipfelten darin, dass ich tatsächlich nicht mehr konnte. Ich setzte mich ins Gras und heulte hoffnungslos drauf los. Ich konnte nicht mehr - wie beschreibe ich dieses Gefühl am besten? Gießt man einen Kaktus lange nicht mehr, fällt er in sich zusammen. Er hat innen keine Substanz mehr, da ist nur noch eine leblose Hülle. So fühlte ich mich.


Effektive Soforthilfe in meiner emotionalen Borderline-Achterbahn


Meine Mama saß neben mir, sie schwieg zunächst und gab mir Zeit diesen Gefühlen Raum zu geben. So rannen mir dicke Tränen über mein hoffnungsloses Gesicht, ich saß im Gras, vornüber gebeugt und schluchzte. Andere Radfahrer fuhren währenddessen vorbei. Die missliche Ausgangslage war mir stark bewusst:

  • Ich war weit weg von zu Hause - meinem sicheren Ort

  • Ich konnte nicht einfach dorthin zurück

  • ich hatte keine Medikamente

  • Ich hatte starke Stimmungsschwankungen

  • Ich wollte nur sterben und sah keinen Sinn mehr in meinem Leben

Ein klassisches Loch, ein furchtbarer Zustand - was half mir in diesem Moment?


Diese 5 Schritte halfen mir in der Krise zu stabilisieren


In dieser - für mich - aussichtslosen Lage schaffte es meine Mama, mich durch diese Krise zu manövrieren. Die folgenden 5 Schritte halfen bei mir dabei:

  1. Dem Raum geben, was ist: Meine Anspannungen werden oft sehr groß. Schwierig ist, wieder herunter zu kommen davon. Weine ich, ist das ein gutes Zeichen, da ich meine schwierigen Gefühle entladen kann. Das geschah in dem Moment, indem ich mich einfach hinsetzte und weinte, Mama mich weinen ließ und wir alles zuließen. Dass ich sagte, ich will nicht mehr leben, ich könne nicht mehr, das Leben sei für mich so anstrengend konnte ich meine innere Zerrissenheit nach außen bringen. Mama bewertete es nicht und versuchte nichts zu beschwichtigen, es war alles okay, was ich sagte. In diesem Moment fühlte sich für mich alles genau so an. In diesem Moment fand ich mein Leben Sterbenswort.

  2. Wie kann ich mich beruhigen: Eigentlich dachten wir wahrscheinlich beide, dass mein Weinen irgendwann aufhören würde. Doch es war wirklich ein längerer Anfall, diese Hoffnungslosigkeit, die mich so schmerzte. Irgendwann fragte mich Mama, ob es für mich in Ordnung sei, wenn wir zurück in die nahe Stadt fahren und dort etwas zur Beruhigung holen. Es gibt in der Apotheke homöopathische Mittel, mit denen ich gute Erfahrungen habe. Ebenso schlug sie vor, dass wir dort fragen, ob ich meine Medikamente auch ohne Rezept haben könnte. Ich hatte das Gefühl, nicht aufstehen zu können - irgendwann fand ich mich jedoch am Rad und wir radelten Richtung Stadt. Ich weinte noch immer unaufhörlich. In der Stadt angekommen, suchten wir die nächste Apotheke. Ich bekam dort sowohl meine Tropfen als auch meine Medikamente. Meine Spannungen sanken, meine Stimmung war nun nicht mehr ganz so tief.

  3. Was brauche ich jetzt in dem Moment: Meine Mama fragte mich, was mir jetzt helfen würde, was ich brauchte. Es gab tatsächlich etwas: Mein Sport-BH war schon so ausgeleiert, dass er mir keinen vernünftigen Halt mehr gab. Während der ganzen Fahrt fühlte ich mich deswegen so unwohl. Ich nahm das nicht bewusst wahr, doch in diesem Augenblick merkte ich, ich brauche einen guten Halt, damit ich mich besser fühlte. So gingen wir los und kauften mir ein neues Teil. Auch dadurch fühlte ich mich wieder besser

  4. Was ist jetzt möglich: Durch diese Schritte beruhigte ich mich, ich hörte auf zu weinen. Ich wusste, ich habe nun meine Medikamente wieder zur Stabilisierung, mein Körpergefühl war durch den Kauf besser. Nun, da ich mich in einem ruhigeren Zustand befand, überlegten wir, was ist möglich. Meine Mutter sagte mir, dass ich vermutlich sehr müde werden würde nach dieser Anspannung. Ich wollte noch nicht in ein Hotel, so beschlossen wir, langsam weiter zu radeln. Das Tempo raus zu nehmen war für mich sehr wichtig, da ich wieder in eine Bewusstheit und achtsame Wahrnehmung kam. Ich spürte den Wind in meinen Haaren, die Sonne auf meinem Gesicht. Neben uns war ein Fluss, ich wurde ruhiger. So fuhren wir langsam mit dem Rad weiter.

  5. Stabilisieren: Schritt für Schritt hörte ich nun ganz genau auf mich, was ich brauchte. Nach einer Weile benötigte ich wieder eine Pause, Cappuccino wirkt für mich immer sehr beruhigend. Wie weit konnte ich fahren ohne mich zu überfordern? Was brauchte ich zu essen ohne mich unwohl zu fühlen? Durch diesen achtsamen Umgang wurde ich wieder ruhiger. Ich merkte, dass ich die Zeit davor, in der meine Anspannung immer größer wurde, jedes meiner Gefühle und Bedürfnisse übergangen hatte. Ich brauchte Ruhe und raste stattdessen mit dem Rad durch die Dörfer.


Der richtige Umgang, um Beziehungen und (Selbst-) Vertrauen zu stärken


Wir konnten unsere Radtour weiterführen, was für mich eine wichtige Erfahrung war. Nicht abzubrechen, da zu bleiben, auszuhalten, einen Umgang finden. Das stärkte außerdem mein Vertrauen in mich und meine Mama, in die Beziehung zu mir und ihr.


Ich überlegte am Abend, was mir dabei geholfen hatte. Ich hatte solche Situationen schon zuvor und sehr oft abgebrochen, was war nun der Unterschied?


Es war der Umgang meiner Mutter mit mir. Oft war mein Gegenüber schockiert und gab mir das Gefühl, ein Psycho oder eine Zicke zu sein. Was ist mit dir los? Warum bist du jetzt so? Jetzt tu nicht so. Schon wieder, muss das sein? Solche Reaktionen verstärkten mein Gefühl, nicht zumutbar oder lebensfähig zu sein, nicht in Ordnung zu sein. Sie steigerten meine Anspannungen und gaben mir das Gefühl, dass man es mit mir nicht aushält - also Flucht. Weg, weil ich mit meinem Verhalten eine Zumutung war.


Meine Mama war diesmal für mich da. Sie verurteilte mich nicht, sie gab meinen Gefühlen und meinem Zustand Berechtigung. Ich vertraute ihr in dem Moment, dass sie mich nicht verlassen oder verletzen würde. Sie beruhigte mich und sagte mir, dass es in letzter Zeit wirklich sehr viel für mich gewesen sei. Das gab mir das Gefühl, dass mein Zustand auf seine Art eine Berechtigung hatte - sie validierte mein Empfinden. Mama drängte mich nicht, sondern gab mir die Zeit wieder zu mir zu kommen. Sie ließ mich spüren, was ich brauchte und was mir jetzt helfen würde. Unterstützte mich dann, diese Schritte umzusetzen.


Diese Erfahrung war für mich sehr wichtig. Normalerweise hätte ich abgebrochen und wäre in ein tiefes Loch gefallen. So sah ich:

  • Die Anspannung kann nachlassen.

  • Ich muss nicht abbrechen, ich kann weitermachen.

  • Ich bin zumutbar, da gibt es einfach noch diese Zustände, die schwierig sind.

  • Ich kann Menschen vertrauen, nicht alle verlassen oder verletzen mich.

  • Ich muss meine Bedürfnisse ernst nehmen.

  • Das mache ich durch einen achtsamen Umgang mit mir.

Die nächsten Tage waren keineswegs einfach, doch ich redete offen und ehrlich darüber, wie es mir ging und was für mich möglich war. Die Radtour wurde so ein Erfolgserlebnis für mich und stärkte das Vertrauen zu mir selbst und zu meiner Mama.