• johanna

Ich und wir anderen: Ein ganz normaler Tag mit Borderline-Persönlichkeitsstörung





meine finger liegen auf der tastatur, nachdenklich blicke ich aus dem fenster. jetzt schreibe ich endlich mein buch, meinen großen hit, der mich aus diesen vier wändern in die welt bringt, der mich berühmt macht. ich mag das - ohne druck, sondern ganz gelassen in projekte starten.


so mache ich das ja auch oft, jedes tippen begleitet meine anstrengende stimme, dir mir sagt, schreib jetzt ja keinen scheiss. heute gehe ich es anders an, ich schreibe einfach mal - und zwar klein, dieses shift aste nervt mich schon lang. mein frisch gebrühter kaffee und ein album der dubliners begleiten mich in diesem schreib-prozess. einfach mal schreiben, schauen, was kommt, schauen, was in den tiefen meines eigenartigen wesens schlummert.


eigenartig tatsächlich, ich habe seit ich denken kann borderline - mitlerweile zwar gut unter kontrolle (denke ich jetzt, voll motiviert mit heiteren dubliners, einer frisch gebrühten tasse kaffe da sitzend und den ersten zeilen, die ich noch nicht als absolut verwerflichen scheiss einstufe - gib mir fünf minuten, wenn die tasse leer ist, werbung für psychotherapie für depressive verstimmungen und suizidprävention auf youtube läuft und meine monster selbstzweifel das gespräch mit mir suchen).


wo war ich, ach ja, borderline gut unter kontrolle, allerdings ist es schon

spannend mit mir selbst zeit zu verbringen. wie letzthin, ich war alleine daheim, ganz alleine. mit dem löblichen willen eine tolle zeit mit mir alleine zu verbringen, quality me-time, starte ich fröhlich in unseren abend mit mir und meinen vielen stimmen.


wir haben es lustig, wir lachen, wir kochen miteinander, wir kennen uns schon lange. da herrscht natürlich auch vertrauen.


es ist so schön mit uns, so schön, wie wir es selten kennen, wenn wir mal alle zeit mit uns verbringen. so entspannt, wir schnippeln gemüse, wir singen. wir erzählen uns witze, freuen uns über freunde, die uns sagen, dass wir tolle freunde sind und freuen uns, dass wir das leben nun endlich im griff haben (im nachhinein merke ich immer, dass das eines der anzeichen fürs kippen ist - wie kann man sein leben im griff haben, außerdem im griff haben, ist etwas angespanntes, ungutes, da kommt keine luft, mir wird eng).


zurück zu dem moment: es ist so schön. so schön. so schön. es gibt mir einen stich, in der bauch-gegend, wirklich unfein, und schon ist sie da, meine traurige stimme: “endlich ist es so schön, wir mussten so viel durchmachen und nun haben wir es endlich so schön.”


schon kommen die ersten bilder meiner arg traumatisierten kindheit, mein vater, wie er depressiv im bett liegt und ich weinend daneben sitze. verdammt! weiter säuselt mir dieses biest, denn wie gemein - sie versaut uns anderen den abend, ins ohr: “so viele traumata, aber jetzt ist es endlich schön.” wieder bilder, mein toter vater, nachdem er sich umbrachte, so leblos, so kalt, so tot - oder wird er doch jeden moment aufstehen?


leichen anzuschauen ist ja so ein ding, durchaus verstörend. meine stimmung sinkt rapide.

ich wälze mich im bett, das gesicht tränenverschmiert und ich gebe laute von mir, wie kühe, auf der weide, das langgezogene muh, nur eben nicht muh, sondern eher buhu.


ich armes, armes mädchen drücke meinen schmerz in dicken, warmen tränen aus, halte mich dabei fest, alles tut so weh, alles schmerzt.


manchmal stehe ich dann auch auf und tanze mit der trauer, einen schweren, bodenfokussierten (um zu verdeutlichen: jetzt bin ich wirklich am boden) tanz. celine dion singt derweil, dass sie mich jede nacht sieht und fühlt, während eine flöte, die schweren schritte meiner füße leitet. so tanze und weine ich, gebe meiner trauer platz. ich fühle den schmerz, ich lebe den schmerz, ich bin (ab jetzt doch wieder shift-taste, aber nur sporadisch) der schmerz.


ich bin schmerz und trauma und dann streiche ich auch über meine narben vom ritzen, weil es damals noch mehr weh tat und jetzt aber schon auch. tränen rinnen und rinnen meine wangen entlang, münden in meinen mundwinkeln, meine zunge schmeckt salz. neue stimme, entweder neugier oder gourmet: “oh salz, schmeckt fein! lecker, wie tränen schmecken. mehr!”


ein teil in mir horcht auf, ist schon abgelenkt. dabei wollte ich mich jetzt richtig bemitleiden, mit allem was dazu gehört - im nächsten schritt würde ich meinen besten freund schokolade zu meiner ganz großen trauerfeier einladen. ich versuche mich wieder auf meinen tiefen seelenschmerz zu konzentrieren, diesen moment stiehlt mir niemand.


“mh, salztränen, lecker!” - okay, der geschmack hat nun meine aufmerksamkeit,

ich konzentriere mich, erzwinge traumatische bilder, um mehr dieser leckeren salztränen zu produzieren. meine druck-stimme kommt auch schon: “können wir salztränen zu großem geld machen, um endlich aus diesen vier wändern zu verschwinden?” gourmet-stimme: “ruhe, jetzt, ich will das noch mal probieren!”


in diesem gedankenkarussel-dilemma und höchst angespannten moment, denn weinen, gewinndenken und salzverkosten ist als nicht mutlitaskerin nicht so einfach. es erscheint eine weitere stimme, entweder humor oder komplette aufgabe. “hey, sieh dir das an, diese situation! vor fünf minuten haben wir alle noch herzlich gelacht, es geht uns ja gut, was soll denn jetzt das drama?”


vielleicht war das aber auch die pro-leben stimme, denn die anti-leben kombiniert mit gib-endlich-auf stimme zischt immer hintergrund: “sag ich ja, wir sollen uns umbringen.” die dramatische stimme in mir meldet sich sofort: “ jetzt lass uns mal, wir sind traumatisiert, wir müssen das jetzt leben.” die pragmatische stimme “jaja, das schon, aber wir müssen es auch nicht hochschaukeln, jetzt komm wieder kochen.”


schmoll-stimme: “mann, ey, was soll das, lass uns das jetzt, wir wollen noch ein bisschen!” gesunder-anteil-stimme: “na, komm, schüttel dich durch, mach das bett und um himmels willen, lass das mit celine, das muss jetzt echt mal aufhören!” celine-fan-stimme: “what?” schmoll-stimme: “hrmpf.”


kurz ist es still, ich warte selbst ab, das war jetzt wirklich viel an input plus macht mich das weinen schon immer recht müde. aber ich habe das gefühl, meine stimmung hebt sich schon wieder. nach der kurzen pause lachen wir alle wieder herzlich, ist ja schon süß, was da immer passiert - die ich-hab-borderline-stimme ruft dazwischen: “süß?! hallo, ich hab borderline, das ist eine schwere psychische krankheit mit 10 prozent suizidrate und überhaupt, bekamen die auch damals gar keine zuzahlungen für therapie, weil man dachte, die bringen sich eh um. broderline, hallo!”

wenn ich es schaffe, dann mal kurz in die vogel-perspektive gehe, muss ich schon über mich schmunzeln, was da immer mit mir passiert und wie ich mich dem so hingebe.


und gleichzeitig bin ich natürlich traurig, weil das immer wieder mit mir passiert und ich mich dem so hingebe. die stimmung ist abgeflauter, aber definitv wieder besser - bitter-süß irgendwie.


süß, weil nach trauer und schmerz phasen fühlt sich alles leichter an und bitter, weil in mir noch so viel trauer und schmerz ist. soviel hoffnungslosigkeit und die ständige frage, wie lange dauert das denn noch, dieses leben. und dann doch wieder, so viel hoffnung, mut und kampfgeist - alles, dieses bunte kaleidoskop an gefühlen, das sich dreht und wechselt und ich sehe die verschiedensten farben.


anstatt zu merken, dass ich die person bin, die das kaleidoskop dreht und selbst entscheidet, ob sie weiter dreht, denke ich immer, ich bin die farbe. grün - ich bin grün, ich bin depressiv. nächster trigger von außen, rot - ich bin rot, ich bin super fröhlich. gelb - ich will sterben. blau - ich habe so einen todesdrang, ich google, wie kann ich sterben. violett - leben ist super.


dieses kaleidoskop dreht sich und dreht sich und ich treibe mit, jede farbwelle schleudert mich in das nächste gefühlschaos. bis ich irgendwann wieder die kraft habe und distanz aufbauen kann. ich sehe dann wieder hoffnung in form von bruce willis, er drückt bei armageddon auf den knopf, der den bösen komet zerstört und sagt: “wir schaffen es, gracie.”


wir schaffen es, wir schaffen es. der dumpfe schmerz ist schon noch da, aber wir wissen auch irgendwo, scheisse, ja - war alles beschissen traumatisch, tut verdammt weh und genau drum müssen wir es uns jetzt richtig gut machen. wir lassen uns unser leben nicht mehr von toten vätern versauen, sondern ich geb mir selbst, was er mir nie gab: respekt, liebe und geborgenheit.

und anfangen tun wir in dem wir jetzt ein richtig gutes curry machen. wir schnippseln, wir lachen und erzählen uns geschichten von damals und heute, die leute, die wir kennen und trafen, der mensch der ich war und der ich bin.


und der stolz, dass ich - trotz dem - noch bin. das essen brodelt vor sich hin, der duft nach curry erfüllt wärmend den raum. und evtl gönn ich mir dann auch einen rotwein dazu.


einfach mal wild sein! sagt die ich-will-endlich-leben stimme.