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Borderline:

Aktiv werden

 

Was ich vom Leben gelernt habe, kann ich in drei Worte zusammen fassen.

Es geht weiter.

(Robert Lee Frost)

Wie ist dein Tag? Du lernst, zu entscheiden!

 

Mir hat das sehr gefallen, das war ein Input bei einem TED-Talk. Eine Mönchin stellte zwei Fragen:

1. Wie geht es dir?

2. Warum?

Und die zweite Frage ist der Schlüssel. Geht es uns gut, weil wir eine Prüfung bestanden haben oder schlecht, weil das Auto kaputt ist, dann reagieren wir auf äußere Umstände. Das Ziel wäre, eine positive innere Grundhaltung zu haben.

Trigger von außen bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung:

 

Das ist ein großes Thema mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Durch die innere Leere, die wir oft fühlen, durch das "sich-nicht-spüren", "kein Identitäts-Empfinden" reagieren wir hauptsächlich auf äußere Trigger.

 

Trigger verlaufen meist unterbewusst. In Sekundenschnelle reagieren wir auf Aussagen, Blicke, Gesten anderer. Wir sind so feinfühlig, dass wir oft sogar die Stimmung des Gegenübers wahrnehmen und danach fühlen oder handeln.

 

Ich veranschauliche das:

  • Trigger: Nachdenklicher Blick von Lehrer - ich interpretierte es als bösen Blick und dachte, dass ich etwas falsch gemacht hatte (Angst).

  • Trigger: Frau schaut auf meine Jeans (könnte Neugier sein) - ich interpretierte es als Abwertung (Hass).

  • Trigger: Jemand sagt zwinkernd, dass ich wohl einen großen Hunger habe, weil ich beim Essen nach schöpfe - ich interpretiere, dass diese Person mich zu dick findet (Scham).

  • Trigger: Ein Mann lächelt mich an, sieht mich vielleicht "anzüglich" an - es ist "mehr" als nur ein Blick - ich ekle mich (Verachtung).

  • Trigger: Ein guter Freund schaut traurig aus - ich denke, ich hätte schon wieder etwas falsch gemacht und dass er deswegen verletzt ist. (Ärger über mich selbst)

  • Resultat: So reißt es mich von Stimmung zu Stimmung ohne Gegenwehr - weil ich es meistens gar nicht bemerke.

 

Das dauert oft so lange, bis meine innere Anspannung aufgrund von Triggern und Stimmungsschwankungen so groß ist, dass ich explodiere.

Hier sieht man zwei mystische Bäume, zwischen ihnen scheint die Sonne durch

Lernen, unabhängig vom Außen, selbst zu spüren, wie es mir geht

Was wäre nun, wenn ich es schaffen könnten, diese entspannte, eigene innere Grundhaltung zu haben? Unabhängig vom Außen zu fühlen, wie es mir geht und somit nicht auf Trigger reagieren, sondern selbst und bewusst zu agieren. Ich könnte vermutlich kurz innehalten und meine Gedankengänge hinterfragen:

 

Warum sollte der Lehrer böse auch mich sein? Warum sollte die Dame meine Jeans nicht gut finden - und selbst, wenn sie es tut, muss es mich stören? Vielleicht habe ich wirklich einen großen Hunger, kann ich einfach mitlachen?

 

Es könnte sehr viel entspannter sein (übrigens kämpfen "normale" Menschen ja auch mit solchen Unsicherheiten). Vor allem steuere und entscheide ich selbst+bewusst, wie ich auf Umstände reagiere.

 

Ich spüre die Gefühle nach wie vor, doch ich merke: Ich bin nicht meine Gefühle. Anstatt einer "Ich bin traurig" - Identifikation und kompletter Übernahme des Gefühls - weiß ich: Es gibt einen Teil in mir und der ist traurig, ich sehe ihn und gebe ihm Raum. Dennoch spüre ich mich, im Hier und Jetzt und lasse mich nicht mitreißen.

 

Das ist das Ziel der Therapie, das zum Beispiel Übungen aus der dialektisch-behavioralen Therapie anstreben.

Was passiert mit mir in hoher Anspannung und wie lerne ich, meine Gefühle zu ordnen

Ich merkte, das Wort "meine Gefühle kontrollieren" klang so eng und nach Stress - deshalb schreibe ich "Gefühle ordnen".

 

So stellte ich es mir im Kopf auch immer vor: Ich sah meine Gefühle wie einen Gewürzschrank. War ich komplett durch den Wind und nur noch angespannt, war der Schrank umgefallen. Nun musste ich den Schrank aufstellen und jedes Gewürz (jedes Gefühl) in die Hand nehmen, ansehen und wieder an seinen Ort bringen.

 

So etwa: "Ah, da ist ein Teil Trauer - warum bin ich traurig? Vielleicht, weil das war... oder das... und wenn ich nichts finde, ist das egal - Trauer darf sein. Hallo Trauer, ich spüre dich..." Und nach einer Zeit, darf sie wieder ihren Platz im Gefühlsschrank einnehmen.

gefuehle-kontrollieren

Beobachten, was abläuft, um destruktive Muster zu verändern

Ich beobachtete sehr viel, was mit meinem Körper passiert und lernte ihn so langsam kennen. Ich spürte, wenn mich etwas drückte und merkte, hoppla, irgendwas brauche ich jetzt. Irgendwas stört hier. In diesem Prozess lernte ich meine Gefühle zu erkennen, ah - das ist Trauer. Was brauche ich jetzt? Was brauche ich, wenn ich traurig bin? Ich lernte, dass ich manchmal in Embryostellung ins Bett muss, mit meinem Kuscheltier kuscheln und heulen. Dem Gefühl Raum geben. 

Das Ernstnehmen meiner Gefühle lehrte mich, liebevoller mit mir umzugehen. Ich lernte Verantwortung für mich zu übernehmen, indem ich schaute, was ich wann brauchte. Manchmal traf ich Personen, die mich sehr verletzten. Dann spürte ich einen schmerzhaften Stich. Mit der Zeit merkte ich, dieses Gefühl ist Wut. Bevor es zu purer Aggression kam, lernte ich zu sagen: "Moment, das will ich so nicht!" Und mit jedem Mal, da ich das schaffte, heilte ein weiterer Teil in mir, weil ich zu mir stand und mich ernst nahm. 

Jedes Gefühl hat Berechtigung - annehmen & akzeptieren, was ist

In diesem Prozess erkannte ich: Ich bin nicht abartig, ich bin nicht verrückt. Meine Gefühle haben Berechtigung, da war tatsächlich ein Auslöser - ich erkannte ihn nur nicht sofort. Ich akzeptierte, dass Gefühle kommen, die manchmal nicht so einfach zu spüren sind. Das benötigt(e) immer wieder ein Innehalten und Prüfen: "Wie fühle ich mich?"

 

Marsha Linehan entwickelte dazu in der DBT eine Übung, die "radikale Akzeptanz" heißt. Wenn wir sehr angespannt sind, denken wir sehr oft: "Was ist jetzt schon wieder los mit dir? Reiß dich zusammen! Sei einfach mal normal".

 

Diese Gedanken verstärken unsere Anspannung. Radikale Akzeptanz erlaubt alles, was da ist: "Ich bin angespannt und das ist in Ordnung." In dem wir benennen, was ist und dem Zustand Berechtigung geben, nehmen wir ihm die Macht. Das wirkte für mich Wunder!

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Probieren, Üben, Hinfallen, Aufstehen, weitermachen, weiteren: Dein Leben mit BPD

Es wird besser werden und manchmal wieder schwierig und dann wieder gut und dann wieder schwierig. Doch du wirst sehen, dass die Spitzen deiner Gefühle (Hochanspannung, tief hoffnungslos, depressiv, über drüber gut drauf) abnehmen. Irgendwann kommt dann der Tag, wo dich jemand fragen wird: Wie ist dein Tag? Und du kannst sagen: Gut! Weil er gut ist, auch wenn vielleicht dein Auto kaputt ist oder eine Dame deine Jeans komisch anschaut. Weil du weißt, da ist ein Teil, der ist traurig, wegen / wütend, wegen - aber deine Grundstimmung ist gut.