• johanna

Entstigmatisierung psychischer Krankheiten: Gespräch im Trialog

Mittwoch Abend, 18.30 - der Trialog beginnt.

  • Was das bedeutet?

Angehörige, Betroffene und Fachleute (wie Ärzte, Therapeuten, Pflegepersonal ....) treffen sich, um psychische Erkrankungen zum Thema zu machen.

  • Wie es zugeht?

Es gibt ein Thema, zu dem dann aus den unterschiedlichen Perspektiven Erfahrungen beigetragen oder Fragen gestellt werden. Es ist ein Erfahrungsaustausch, keine Diskussion oder Beratung. Auf "Augenhöhe", d.h. keiner sollte höher gestellt werden als der andere. Jeder Beitrag ist gleich wichtig. So lernt man voneinander, miteinander.

Heute bin ich das erste Mal dabei.

  • Wie das für mich ausschaut?

Mit dem Handy logge ich mich via Zoom in das Meeting am. Ich nahm mir vor, konzentriert und voll bei der Sache zu sein, doch es fällt mir schwer, den Inhalten zu folgen. Ich bin ein visueller Typ, ich sehe gerne Folien oder zumindest Anhaltspunkte, die wir in den nächsten 1,5 Stunden durchgehen. Es sind 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, eine Hauptleiterin und etwa vier Co-Moderatoren.

  • Worum geht es?

Das Thema lautet: Wie kann ich mit wem und wo reden, wenn es mir schlecht geht. Das klang für mich nicht besonders spannend, es klang so "unspektakulär". Meinem reizüberfluteten Gehirn fehlte der "Thrill" an der Sache. Dennoch wollte ich mir das Format ansehen.

  • Warum ich mir das Format ansehen wollte?

HPE ist ein Verein für Angehörige psychisch Erkrankter. Omnibus ist ein Verein für Betroffene von psychischen Störungen. Gemeinsam mit Psychiatern, klinischen Psychologen, Sozialbetreuern bildet der Trialog ein Format zur Aufklärung. Durch die unterschiedlichen Perspektiven unterstützt man sich gegenseitig, versteht besser. Ein gemeinsames Ziel ist die Entstigmatisierung und Ent-Tabuisierung sowie Sensibilisierung für psychisch Krankheiten. Eine Mutter erzählt beispielsweise offen, wie schwierig es für sie mit ihrem bipolaren Sohn hinsichtlich der ärztlichen Schweigepflicht ist - gar keine Auskunft zu bekommen und nur zu wissen, dass er wieder "eingeliefert" wurde. Eine Betroffene spricht darüber, wie sich "Freunde" abwenden, nachdem sie ihre psychische Krankheit offen anspricht. Die Fachärztin gibt Tipps, wie Eltern über die Schizophrenie ihres Sohnes sprechen können und sich gleichzeitig trotzdem schützen.

Psychische Erkrankungen und meine Borderline-Persönlichkeitsstörung


Beim Zuhören werde ich zunehmend unruhig. Ich kann mich kaum konzentrieren und mich nicht wirklich einlassen. Das nervt mich, denn eigentlich empfinde ich großen Respekt für die Anwesenden. Ein Teilnehmer, er ist Betroffener, erzählt immer wieder über seine Erfahrungen und ich merke: Der hat was zu sagen. Der weiß, wovon er spricht - von ihm kann ich lernen. Etwa 30 Minuten vergehen, ich zapple vor dem PC, verliere ich mich immer wieder in Gedankenkonstrukten und bin angespannt.


Ich halte inne - Johanna - Stopp, was ist wirklich los? In diesem Moment weiß ich es: Ich bin krank, ich habe eine Persönlichkeitsstörung und ganz ehrlich - mir geht es heute nicht gut. Die ganze Woche fühle ich mich so hässlich, dass ich nicht vor die Türe mag, ich möchte nicht, dass mich jemand sieht. Mein Leben fand ich bis gestern absolut sinnlos - heute akzeptiere ich es.


So geht es mir gerade und ich sitze vor dem Bildschirm, wo genau das thematisiert wird. Natürlich wehrt sich in mir ein großer Teil und zwar der, der sagt: "Sei jetzt still, alles halb so wild, tu nicht so und reiß dich zusammen. Scheiss-psychische-Krankheiten, tu nicht so." In diesem Moment der Ehrlichkeit spüre ich sie wieder - die Traurigkeit, den Schmerz, den ich die ganze Zeit wegdrücken wollte. Mit Ex-Freund-Stalken, Fernseher, zappeln und Gedankenkonstrukten. Dabei wäre vor mir, auf einem 4x6 Zentimeter Bildschirm am handy eine Gruppe, die offen darüber redet, wie es ist, Stimmen zu hören, mal nicht mehr leben zu wollen, Hoffnung zu verlieren. Ich sehe mir die verschiedenen Gesichter an und sehe: Die Mutter, die aufklären will und über gemeinsame Erfahrungen stärken will. Ich sehe den Betroffenen, der zeigen will "ich lebe damit, das geht" und dann die Ärztin, die sagt, ein kaputtes Knie bedarf auch einer Behandlung - so ist es mit psychischen Krankheiten.


Authentisch und offen reden, wie es ist: Der Umgang mit psychischen Erkrankungen


In mir wird etwas ruhiger, nach diesem Moment der Ehrlichkeit kann ich besser folgen. Ich höre Paul zu, der über seine Schizophrenie redet und wie dankbar er für das Format Trialog ist. Er bedankt sich bei der Leitung für die Hilfe, die sie ihm bereits waren.


Ein Neuzugang berichtet, wie schwierig es ist, mit der Familie offen zu reden. Ich vermute, dass sie sich in diesem offenen Rahmen vielleicht aufgefangen fühlen kann. So geht es mir, spüre ich - unbewusst hebe ich in diesem Moment die Hand. Die Leiterin spricht mich an: "Johanna, ich sehe, du hebst die Hand, möchtest du etwas sagen?" Erschrocken fahre ich zurück und will energisch den Kopf schütteln, doch halte inne. Mein Mund verselbstständigt sich.


"Ich habe die Diagnose Borderline. Seit etwa 15 Jahren mache ich Therapie.“ Ich stocke, doch rede weiter. "Langsam lerne ich, damit umzugehen. Im August war ich auf einer Fortbildung. Der Leiter war Psychotherapeut, obwohl ich ihn sehr schätze, redete er immer wieder darüber, wie schwierig Borderline-Patienten sind. Ich dachte ich stehe drüber - am letzten Tag ging ich nach Hause und weinte nur. ich merkte, dass es mir jedes Mal weh tat, wenn er BorderlinerInnen als unzumutbar betitelte. Mein Schritt aus dem Loch war mich Hinzusetzen und eine Website zu machen über Borderline und darüber zu sprechen.“


Ich sehe noch immer vor mir, wie traurig ich mich damals fühlte, weil Borderline so abgestempelt wird. Ich rede weiter: "Ich merke, seither versuche ich auch dazu zu stehen. Ich sage: Ich lebe mit Borderline. Mit der Persönlichkeitsstörung fühlte ich mich immer unzumutbar, als Psycho, ich hatte mich nicht unter Kontrolle. Wenn ich jetzt sage, ich lebe mit Borderline, will ich zeigen: Ich lebe damit und ich bin kein Psycho. Ich möchte Personen, die sich auch gerade unzumutbar und als Psycho fühlen zeigen, du kannst damit leben lernen. Menschen, die Borderline als unzumutbare Psychos sehen, möchte ich zeigen: Ich stehe hier vor dir, mit der Persönlichkeitsstörung. Und du kannst mit mir ganz normal reden, weil ich zumutbar bin."

Borderline, Depressionen, Schizophrenie: Gleichgesinnte helfen gleich Gesinnten


Ich bedanke mich fürs Zuhören und für die bisherigen Beiträge. Ich sage, wie wichtig ich dieses Format finde, denn ich spüre: Wow, tut das gut. So offen zu reden, ohne Verurteilung, ohne Verachtung, ohne Ohnmacht. Über Borderline, Depressionen und Schizophrenie, Psychosen zu reden ohne Angst zu haben, dass das Gegenüber sich abwendet.


Eine Ärztin bedankt sich bei mir und sagt, es benötige dazu auch eine Stabilität, so zu sich stehen zu können - ebenso sei es wichtig zu sehen, ich habe Borderline und NICHT: ich bin Borderline. Eine klinische Psychologin fügt an, dass sie das "Mit-der-Diagnose-zu-sich-stehen" unabhängig vom Fortschritt sehe. Manche möchten es sagen, manche nicht und das sei okay.


Stabilität: Wie ich Borderline sehe und jetzt damit umgehe


Das Wort "Stabilität" reibt an mir: Ich bin noch nicht stabil. Was bedeutet stabil? Ich hatte immer wieder Momente, wo ich dachte, endlich ist Borderline vorbei. Ich setzte Medikamente ab, beendete Therapien. Borderline zeigte sich mir immer wieder in unterschiedlichen Facetten.


Ich bin Johanna und da ist Borderline in mir, wir werden uns immer wieder begegnen. Wir leben sozusagen "im gleichen Haushalt". Doch mein Umgang damit kann sich ändern. Ich habe nicht mehr so große Angst wie damals vor meinen Anfällen, weil ich sie nun besser kenne. Ich kann meiner Wut sagen, ich sehe dich, wir müssen nicht durchdrehen. Und manchmal liege ich dann doch im Bett und will sterben, hoffentlich werde ich aber immer nach dieser Phase aufstehen - bisher tat ich es.


Zu meiner Borderline-Erkrankung zu stehen ist für mich kein Grad von Stabilität, sondern ein Teil der Heilung. Ich versuchte mein Leben lang mich als die tolle, starke Frau zu präsentieren. Letztlich landete ich immer suizidal im Bett. Ich bin an einem Punkt an dem ich weiß, ich kann mich nicht mehr anlügen, um zu (über-) leben. Ich habe Borderline, es ist ein Teil von mir und manchmal ist es deswegen für mich sehr schwierig. Ich sage: "Ich habe Borderline", weil mit jedem Mal, da ich es sage, etwas in mir heilt. Der Teil, den ich immer verleugnete: Tu nicht so, reiß dich zusammen, Scheiss-psychische-Krankheiten. Ich will zu mir stehen und das bedeutet auch, zu meiner Persönlichkeitsstörung zu stehen.

Trialog für Betroffene, Angehörige psychischer Erkrankungen: Gemeinsam aufklären und entstigmatisieren

In diesen 1,5 Stunden Trialog komme ich zu mir. Nachdem die Gruppe fertig ist, spüre ich, dass ich mich wieder entspannter fühle. Vor allem der Betroffene, der zeigte, man kann damit leben, motiviert mich. Ich werde das nächste Mal vermutlich wieder teilnehmen. Mittwoch Abend, 20.30 - der Trialog und mein Bericht sind fertig.

Was das bedeutet? Ich bin berührt, dass sich Menschen treffen - Betroffene und Angehörige, um sich über psychische Krankheiten auszutauschen, zu entstigmatisieren und enttabuisieren. Durch offenes Reden zukünftig besser helfen können. Ich habe ein neues Format an dem ich teilnehmen will und dass ich euch allen, Betroffene, Angehörige, Interessierte empfehlen kann. Vielleicht sehen wir uns da ja! :)